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Historie

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150 Jahre Turnermusik in Egelsbach

Die Turnermusik in Egelsbach, bzw. das Blasorchester Egelsbach gehört mit dem Blasorchester des TSV Klein-Auheim, das nur zwei Jahre älter ist, damit zu den ältesten musikalischen Gemeinschaften des Hessischen Turnverbandes.

Turnverein-Musikkapelle 1890 

Jahr 1890: Turnverein Musikkapelle

Was bedeutet „Turnermusik“?

Der Begriff Turnermusik stammt aus der Zeit, als sich in den Turnvereinen – also den Vereinen des Deutschen bzw. Hessischen Turnverbandes – neben dem Sport auch musikalische Gruppen bildeten. Diese Musikerinnen und Musiker begleiteten ursprünglich Turnfeste, Festzüge und sportliche Veranstaltungen mit Spielmanns- und Blasmusik.

Mit der Zeit entwickelte sich daraus ein eigener Bereich innerhalb des Turnverbandes: die Turnermusik.
Sie umfasst heute Spielmannszüge, Blasorchester und Musikgruppen, die in Turn- und Sportvereinen organisiert sind. Ziel ist es, die musikalische Gemeinschaft und Kameradschaft innerhalb der Turnerbewegung zu fördern und das kulturelle Leben im Verband zu bereichern.

Aus einer solchen langen Vereinsgeschichte gibt es Vieles zu berichten, Gutes und weniger Gutes, Höhen und Tiefen; von großem Beifall bei musikalischen Auftritten, aber auch von manchen Herausforderungen innerhalb der Gemeinschaft. Zu einer solch wechselvollen Geschichte einer Gemeinschaft gehören immer wieder Menschen, die mit viel Energie, Idealismus und Verantwortungsbewusstsein nicht nur in Glanzzeiten mit Freude ihre Freizeit der Musik widmen, sondern auch aus schwierigsten Situationen die Gemeinschaft wieder nach oben führen.

 

Entwicklung der Spielmannsmusik in Deutschland

Die Entwicklung der Spielmannszüge ist eng verknüpft mit der von Friedrich Ludwig Jahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufenen "Deutschen Turnbewegung”. Unter den Gründern der ersten Spielmannszüge waren sehr viele ehemalige Militärmusiker. Diese "Trommler und Pfeifer" hatten es sich zur Aufgabe gemacht, auch junge Menschen an die Musik heranzuführen. Die frühen Spielmannszüge waren deshalb den Trommler- und Pfeiferkorps der preußischen Armee sehr ähnlich. Sie sorgten bei den Veranstaltungen der Turner ihres Vereins für die musikalische Begleitung – besonders im Frühjahr beim Anturnen und im Herbst beim Abturnen auf den Turnplätzen. Auch bei Turnfesten waren sie stets fest mit dabei und innerhalb der Ortsgemeinde haben die Trommler und Pfeifer so manche Veranstaltung verschönert. Ihr Repertoire erstreckte sich dabei lediglich auf Märsche.

Unter dem Dach der verschiedensten überregionalen Zusammenschlüsse der Turnerschaften fanden auch die Spielleute gute Entwicklungsmöglichkeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer größeren Zahl von Neugründungen. 1922 wurde das Spielmannswesen erstmals auf der Ebene des Deutschen Reiches organisiert. So wurden zum Beispiel die ersten "Pflichtmärsche” eingeführt, deren Einstudierung für jeden Verein verbindlich war. Somit waren nun Turnerspielleute aus allen Gegenden Deutschlands in der Lage, ohne vorherige Probe zusammen zu musizieren.

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde dem Spielmannswesen zumindest vorläufig ein Ende gesetzt. Die Vereine waren ja meistenteils Arbeiterturnvereine, und mit deren Verbot verschwanden auch die Turnerspielmannszüge. Man kann davon ausgehen, dass viele Musiker zu nicht verbotenen Organisationen, zum Beispiel Feuerwehrspielmannszügen, übergetreten sind. Die Idee des Turnerspielmannswesens ließ sich jedoch nicht einfach zerstören. Dies wurde nach Ende des Krieges mit einer großen Zahl von Neugründungen, aber auch mit dem Wiederaufleben von alten Spielmannszügen deutlich.

Die Neuorganisation brachte es mit sich, dass 1956 vom Deutschen Turnerbund ein Fachgebiet für die Musiker mit eigenständigem Bundesvorstand eingerichtet wurde. Eine der ersten "Amtshandlungen" dieses Vorstandes bestand darin, in Absprache mit den einzelnen Landesverbänden, eine einheitliche ”Bundestracht", die für das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland verbindlich sein sollte, einzuführen. Diese komplett weiße Kleidung ermöglichte bei Turnfesten oder Großkonzerten jene Bilder, für die beim Deutschen Turnfest 1968 in Berlin der Begriff ”Musikparade in Weiß” geprägt wurde, als etwa 4500 Turnermusiker in einem beeindruckenden Auftritt zusammengespielt haben.

Mit der Entwicklung vom reinen Spielmanns- und Fanfarenzug hin zu Musikzügen und Blasorchestern hat sich auch die Kleidung gewandelt. Früher war es bei großen Veranstaltungen ein beeindruckendes Bild, wenn hunderte oder sogar tausende Musiker in grauer Hose, blauer Jacke und weinroter Krawatte ihre gemeinsamen Stücke spielten. Heute gibt es in Egelsbach diese offizielle Uniform nicht mehr: Beim Neujahrskonzert treten wir in schwarzem Anzug mit weißer Bluse bzw. Hemd auf, bei den übrigen Auftritten im Jahr tragen wir Poloshirts in verschiedenen Farben – mal weiß, mal blau, mal grün – kombiniert mit blauer Hose. Die Egelsbacher Dorfmusik spielt in Tracht, also Lederhose und Dirndl.

Wie schon kurz angedeutet, bereicherten Fanfarenbläser vermehrt die musikalische Ausdruckskraft der Spielmannszüge. Mitte der fünfziger Jahre war die SG Egelsbach durch ihren gemischten Spielmanns- und Fanfarenzug mit zeitweilig 12 Bläsern weit über die Ortsgrenzen bekannt. Kaum ein Jahrzehnt später begann durch die Hinzunahme von anderen Blechblasinstrumenten langsam aber zielstrebig die Umstellung des Musikzugs zum Blasorchester. Diese Entwicklung nahm im Rhein-Main-Gebiet ihren Ausgang -in Mühlheim war der erste Musikzug gegründet worden- breitete sich über Hessen schließlich auf ganz Deutschland aus.

Musikzüge und Blasorchester sind den Spielmannszügen musikalisch natürlich in vielen Bereichen überlegen. Im Spielmannszug obliegt die Melodieführung alleine den Flöten, das Schlagwerk besteht aus der großen Trommel, den Becken und den Marschtrommeln; das Glockenspiel, die Lyra, wird zur Verfeinerung des Klangbildes herangezogen. Ein Blasorchester hat wesentlich mehr Instrumentengruppen aufzuweisen. Durch Blechbläser, Holzbläser, Melodie- und Harmoniegruppen, Bässe, Schlagzeug usw. entstehen besonders in klanglicher Hinsicht ungleich mehr Möglichkeiten bis hin zu konzertanter Musik. Durch Neuentwicklung von Metallquerflöten in den Diskant-, Sopran-, Alt- und Tenorstimmlagen sowie durch Verwendung von Blockflöten und Melodicas machte auch der Spielmannszug klanglich gesehen einen Fortschritt, aber durch seine Instrumentenausstattung erreicht er naturgemäß nicht den Klangkörper eines Blasorchesters.

Mit der Umgestaltung stieg auch der Anspruch an den Leistungsstandard der Musiker enorm, das Fachwissen der Stabführer und Dirigenten konnte nun meist nicht mehr innerhalb des eigenen Vereins angeeignet werden, überregionale Schulungsmöglichkeiten mussten geschaffen werden. Über der intensiven Übungsarbeit im Turngau und im Landesverband steht als oberste Ausbildungsstelle die Bundesmusikschule in Altgandersheim, zu deren leistungsmäßig gestaffelten Grund- Aufbau- und Dirigentenlehrgängen alle Musiker im DTB Zugang haben. Als weiterer Beweis des hohen Leistungsstandes der Turnermusiker besteht im Bereich des Hessischen Turnverbandes ein Landesblasorchester, zu dem besonders begabte junge Musiker berufen werden. Unter der Leitung von international renommierten Dirigenten werden in diesem ähnlich einem Sinfonieorchester besetzten Klangkörper Stücke von höchster musikalischer Anforderung geprobt und aufgeführt.

Die Gründerjahre

Die Ursprünge der Spielmannsmusik wird man in Egelsbach genau wie in den meisten anderen Städten und Gemeinden Deutschlands ganz eng verknüpft finden mit der Entwicklung des Turnens nach der Idee von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. So ist es nicht verwunderlich, dass bei beiden Egelsbacher Traditionsvereinen, sowohl beim Turnverein von 1874 als auch bei der Turngemeinde von 1885, bald nach deren Gründung auch ein Spielmannszug ins Leben gerufen wurde. Direkte schriftliche Hinweise oder gar Gründungsprotokolle sind in beiden Fällen nicht aufzuspüren, so müssen uns andere Quellen auf der Suche nach der Gründungszeit helfen.

Nach mündlicher Überlieferung sollen es vier bis acht Spielleute gewesen sein, die 1876 im gerade erst zwei Jahre alten Turnverein den ersten Spielmannszug in Egelsbach gründeten. Fast alle waren vom Militär entlassene Turner, die ihre aktive Zeit genutzt hatten, um sich als Trommler, Pfeifer oder Hornist ausbilden zu lassen. Die älteste schriftliche Erwähnung eines Spielmannszuges ist ein im Jahre 1879 angefertigtes Protokoll, in dem der Zugang mehrerer junger Leute zu einem bestehenden Spielmannszug vermerkt ist. In diesem Protokoll findet man schon Egelsbacher Familiennamen, die auch heute noch einen engen Bezug zur Turnermusik haben, wie z.B. Avemaria, Schlapp oder Schroth. Auch bei der Turngemeinde können wir nur indirekt auf die frühe Gründung eines Spielmannszuges schließen. In einem Protokoll vom 5. Februar 1887 - also gerade zwei Jahre nach dem Entstehen des Vereins - wird die Anschaffung eines Schrankes erwähnt, in dem die benötigten Instrumente aufbewahrt werden sollten.

Aus heutiger Sicht bedarf es wohl einer Erklärung, dass in einem so kleinen Dorf, wie es Egelsbach zu Ausgang des 19. Jahrhunderts zweifellos war, zwei völlig voneinander unabhängige Turnvereine mit eigenen Spielmannszügen gegründet wurden und Bestand hatten. Dazu muss man wissen, dass das damalige öffentliche Leben und damit auch die Tätigkeiten in den Vereinen sehr stark weltanschaulich und politisch geprägt und polarisiert war. Nach der Gründung eines "Arbeiter”turnvereins ist leicht einzusehen, dass einige Jahre später als Pendant die Turngemeinde sich aus dem bürgerlichen Lager etablierte. Diese Unterschiede in der Herkunft der Vereine hielt bis zur Auflösung 1933 an und war sogar noch bei der Gründung der Sportgemeinschaft nach dem 2. Weltkrieg zu spüren.

Beide Egelsbacher Turnervereinigungen hatten ein eigenständiges Vereinsleben, an dem die Spielmannszüge wesentlichen Anteil hatten. Jedes Jahr beim Anturnen im Frühjahr und beim Abturnen im Herbst legten die Turner den Weg zwischen Vereinslokal und Turnplatz unter Vorantritt der Musiker zurück. Das Spiel der Trommler und Pfeifer sorgte dafür, dass der Zug in den Ortsstraßen exakt im Gleichschritt marschierte. Das Betätigungsfeld erstreckte sich aber in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens auch auf Auftritte bei Aufmärschen und Festzügen auf örtlicher Ebene.

Oft vergessen und kaum in den Chroniken erwähnt wird die frühe Verbindung der Turnermusiker mit der Blasmusik, das Blasorchester der heutigen Zeit hatte also durchaus schon einen historischen Vorgänger.

Auf einem Foto aus dem Jahr 1890 sieht man eine 14-köpfigen Blaskapelle. Auf diesem Foto ist der damals 20jährige Hornist Lorenz Avemaria zu sehen. Er gründete 1906 zusammen mit anderen Musikern des Turnvereins den ”Arbeitermusikverein", der nach der Vereinigung mit der ”Zivilkapelle Egelsbach-Langen" 1927 schließlich als Musikvereinigung Egelsbach" weiter bestand.

Der erste Weltkrieg brachte im privaten sowie öffentlichen Leben so gravierende Einschnitte, dass jedes Vereinsleben und damit auch das Spielmannswesen zum Erliegen kam. 1919 formierten sich die Spielmannszüge neu. Es gelang, die vom Krieg gerissenen Lücken zu schließen, die Turnermusik nahm einen neuen Aufschwung.

Neben den Auftritten in Egelsbach traten die Spielleute nun auch zunehmend bei Veranstaltungen in Nachbargemeinden und darüber hinaus auf. So waren die Egelsbacher 1926 zum Beispiel bei der Arbeiterolympiade im Frankfurter Waldstadion dabei.

Spielmannswesen kommt zum Erliegen

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden sämtliche Vereine, die auf dem Boden der Arbeiterbewegung standen, verboten und aufgelöst. Dieses Schicksal traf natürlich auch den Turnverein 1874 mit seinem Spielmannszug. Die Instrumente wurden eingezogen und in Langen deponiert. Einige Spielleute überwanden die noch bestehenden gesellschaftlichen Schranken und schlossen sich dem nicht vom Verbot betroffenen Spielmannszug der Turngemeinde an, um weiterhin zu musizieren. Die weitaus meisten Spieler des TV traten aber dem Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr bei. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass die eingezogenen Trommeln und Flöten von Langen zurückgegeben und dem Feuerwehr-Spielmannszug zugeteilt wurden.

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges brachte erneut eine Entwicklung mit sich, die man schon einmal durchlebt hatte. Mit dem totalen Zusammenbruch 1945 hörte auch der letzte Rest jeglicher Vereinstätigkeit auf. Zwar wurde schon im gleichen Jahr das völlige Vereinsverbot durch die Militärregierung etwas gelockert, so dass es schon im Herbst möglich war, einen Sportverein, die SGE, zu gründen, das Spielmannswesen war allerdings noch nicht im Katalog der erlaubten Vereinsaktivitäten enthalten.

Der Neuanfang 1948

Mit weiteren Lockerungen der Verbotsbestimmungen rückte bald der Neuaufbau eines Spielmannszuges in den Bereich der Möglichkeiten. Es war ein Herzenswunsch des damaligen SGE-Vorsitzenden und vormaligen Stabführers im TV 1874, Fritz Schlapp, die durch den Krieg durchbrochene Tradition wieder aufleben zu lassen. Die Freude an der Musik war bei den Spielmännern ungetrübt. 1933 war eine Gemeinschaft auseinandergerissen worden, die immer zu den Glanzpunkten des Vereins gehört hatte. So war es gar nicht verwunderlich, dass bei der ersten Zusammenkunft im Eigenheim im Herbst 1948, ein neuer Spielmannszug gegründet werden konnte. Die etwa 20 erschienen Musiker waren alle ausgebildete Spielleute, so dass unverzüglich mit den Proben begonnen werden konnte. Zum Teil konnten die Instrumente aus dem Fundus des nicht mehr existierenden Feuerwehr-Spielmannszuges zurückgeholt werden und manche Flöte oder Trommel hatte die Wirren der Zeit in Privatbesitz überstanden.

Die Musiker waren mit Eifer bei der Sache, so dass schon ein halbes Jahr später zum 1.Mai 1949 der neue alte Spielmannszug in der Öffentlichkeit auftreten konnte. Noch im gleichen Jahr wurde die Instrumentierung durch Becken, Lyra und eine große Trommel vervollständigt. Das Geld für diese Anschaffungen stammte ausnahmslos aus den privaten Taschen der Spielleute, was wiederum in dieser entbehrungsreichen Nachkriegszeit für den Idealismus der Musiker spricht.

Der Weg nach oben

Die Fünfzigerjahre brachten dem Spielmannszug einen stetigen Aufschwung, sowohl in personeller als auch in musikalischer Sicht. Im Jahr 1952 wurde ein entscheidender Schritt für die Förderung des Nachwuchses getan, ein eigenständiger Schülerspielmannszug bot die Möglichkeit, schon im Kinndesalter erste Erfahrungen mit der Musik zu sammeln.

Die Spielleute hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Kaum ein Spieler verfügte über Notenkenntnisse. Ein Umstand der bei der heutigen Besetzung des Blasorchesters unvorstellbar wäre. Die Märsche wurden von den Musikern in mühsamer Kleinarbeit auswendig gelernt, was bedeutete, dass man nach Gehör einem anderen Kameraden nachspielte oder sich die Griffe an der Flöte abschaute.

Eine Erweiterung des Repertoires um höchstens zwei oder drei Stücke pro Jahr war unter diesen Umständen ein hohes Übungsziel und kaum zu schaffen. Andere Schwierigkeiten bereiteten die Räume für den Übungsbetrieb. Selbst im strengsten Winter musste man mit dem ungeheizten Saalbau des Eigenheims vorliebnehmen und mehr als einmal war ein Spiel, vor Allem mit den Flöten, bei bitterer Kälte nicht möglich.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hatte der Spielmannszug enormen Zulauf. Zeitweise wurden 60 Aktive gezählt. Fanfaren bereicherten ab 1953 den Klangkörper beträchtlich. Zur Finanzierung dieser neuen Instrumente hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen: mit klingendem Spiel führte man in den Ortsstraßen eine Streichholz-Verkaufsaktion durch. Die Egelsbacher Bevölkerung honorierte diesen Einsatz.

Diese Ära kann als Glanzzeit der Egelsbacher Spielmannsmusik angesehen werden. Die herausragende Stellung in musikalischer und in personeller Sicht in der Umgebung war unumstritten. Die Auftritte innerhalb und außerhalb der Gemeinde nahmen so stark zu, dass es für einige Spielleute fast zu viel wurde.

Niedergang und Wiederbelebung

Gegen Ende der Fünfzigerjahre verringerte sich der Personalbestand des Zuges dramatisch und erreichte 1961 den absoluten Tiefpunkt mit gerade noch 11 Aktiven. Sogar in dieser äußerst schwachen Besetzung bot der Minispielmannszug exzellente Leistungen, wie der Bericht von einem Freundschaftstreffen in Pfungstadt belegt, wo das Spiel der Egelsbacher mit viel Applaus bedacht wurde.

In dieser Zeit bahnte sich ein Umbruch an, der die totale Abkehr vom traditionellen Spiel der Trommeln, Fanfaren und Flöten bedeutete, wenn auch oft gegen erbitterten Widerstand der eingeschworenen Anhänger der herkömmlichen Spielmannsmusik. In Egelsbach wurden schon 1960/61 Trompeten angeschafft, die zur Unterstützung der Fanfaren dienen sollten. Der Grundstock zum Blasorchester war gelegt. In der Folgezeit wurde der Klangkörper durch Flügelhörner, Tenorhörner und einen Bass angereichert. Den "Ton" gaben weiterhin Trommeln, Flöten und Fanfaren an, aber die Attraktivität des Zuges stieg nicht nur in musikalischer Sicht. Intensivierte Jugendarbeit und die Rückkehr einiger "Ehemaliger" taten ihr Übriges zur sich anbahnenden Wiederbelebung. Die Ausbilder der damaligen Zeit können stolz auf ihre geleistete Arbeit sein, denn die Umstellung musste aus eigener Kraft bewerkstelligt werden. Viele Orchester in der Umgebung konnten sich in dieser Zeit den Rat und die Unterstützung von Berufsmusikern sichern und auch leisten, in Egelsbach hatte man dieses Glück leider nicht.

In der Folgezeit pflegte man enge Kontakte zu den Musikern des TV Langen – zum Vorteil beider Gruppen. Gemeinsame Auftritte, Ausflüge und gegenseitige Unterstützung bei Personalengpässen waren die positiven Ergebnisse dieser Zusammenarbeit. Zum 90jährigen Jubiläum des Egelsbacher Sports 1964 traten beide Züge in einem gemeinsamen Konzert auf. Es war die erste Veranstaltung dieser Art, bei der das Publikum erkennen konnte, dass erst durch die erweiterte Instrumentierung das Spielen konzertanter Musik möglich wurde – die reine Spielmannsmusik bot dafür keine Möglichkeit.

Zwei Jahre später zu seinem eigenen 90jährigen Gründungsfest wagten die SGE-Musiker erstmals ein Konzert ganz auf eigene Faust. Im Programm fand man neben traditionellen Märschen und Walzern auch Potpourris und aktuelle Schlager. Die positive Resonanz in der Bevölkerung bewies, dass der eingeschlagene Weg wieder nach oben führte. Noch immer prägten Elemente der überlieferten Spielmannsmusik, aber auch ein Bläserblock das Erscheinungsbild der Musikabteilung.

 

     

 

Zehn Jahre später, 1974 zum hundertjährigen Jubiläum des Vereinssports in Egelsbach, wurde auch optisch deutlich, dass sich bei den Turnermusikern eine grundlegende Wandlung vollzogen hatte. Die blau-graue Kombination auf weißem Hemd mit roter Krawatte war an die Stelle des traditionellen Weiß der Turnerspielleute getreten und so war aus dem Spielmannszug ein Blasorchester entstanden.

Traditionsspielmannszug

Es dauerte nicht lange, bis neben der Freude über die zeitgemäßere Form der musikalischen Präsentation auch ein bisschen Wehmut aufkam – eine Art Nostalgie darüber, dass das Genre der klassischen Spielmannsmusik scheinbar der Vergangenheit angehörte. Doch ganz verschwunden war es nicht.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Turnermusik 1976 sollte als ein Programmbestandteil noch einmal die reine Spielmannsmusik dargeboten werden. Nach einem Aufruf an alle ehemaligen "Trummler" und "Piffer” wurde bei einem Treffen spontan die Gründung eines Traditionsspielmannszuges angeregt. Die Begeisterung für das frühere gemeinsame Steckenpferd war wieder geweckt. Eine Woche später wurde mit der Probenarbeit begonnen, um die alten Kenntnisse wieder aufzufrischen. Der damalige Ehrenvorsitzende der SGE und Ehrenstabführer Fritz Schlapp probte mit den zwanzig Trommlern, Pfeifern und Schlagzeugern.

Am Jubiläumsabend feierten sie einen großen Erfolg – die Freude darüber war ihnen deutlich anzusehen. Besonders bemerkenswert war die Leistung der Traditionsspielleute, da die meisten von ihnen keine Noten lesen konnten und die Stücke ausschließlich aus dem Gedächtnis spielten.

Ursprünglich war der Traditionsspielmannszug nur für einen einmaligen Auftritt zusammengekommen, doch die Begeisterung der „Altgedienten“ – der älteste von ihnen war 75 Jahre alt – warf diesen Plan schnell über den Haufen. Über viele Jahre hinweg waren die Musiker in Weiß ein fester Programmpunkt bei den Veranstaltungen der Abteilung, sei es zum Beispiel beim alljährlichen Fest an der Waldhütte oder bei Konzerten. Auch bei etlichen Freundschaftstreffen im Turngau Main-Rhein waren sie beim klingenden Spiel mit ihren Kameraden aus anderen Vereinen anzutreffen. „Anzutreffen waren sie“ – so heißt es hier völlig richtig, denn inzwischen forderte das Alter seinen Tribut, und die Spielmannsmusik gehörte in unserer Gemeinde nun endgültig der Vergangenheit an.

Mannschaft des Jahres

Nach dem Jubiläum verabschiedeten sich mehrere Mitglieder aus dem Blasorchester. Doch der Verlust führte nicht zum Stillstand: Das Blasorchester formierte sich neu und entwickelte sich zu einem frischen, attraktiven Klangkörper, der seitdem wieder mit Schwung und Begeisterung auftritt.

Intensiviert wurde der Besuch von Lehrgängen auf Landes- und Bundesebene, die Teilnahme des Orchesters an den Landestreffen der Turnermusiker mit dem damit verbundenen Wertungsmusizieren. Dies hob zusätzlich die Leistungsbereitschaft und dadurch auch die Leistung der Musiker. Einen Höhepunkt fand diese Entwicklung im Zusammenhang mit dem Deutschen Turnfest 1983 in Frankfurt. Der dortige Leistungswettbewerb bestand aus zwei Prüfungen, einer Bewertung der Marschformation auf dem Opernplatz und der musikalischen Bewertung mit Pflicht- und Kürstück. Der musikalische Teil fand auf der Bühne der "Alten Oper” statt.

Dies war ein besonderes Erlebnis für die Egelsbacher Musiker. Der 1. Rang bei diesem Wertungsmusizieren wurde 1984 von der Sportgemeinschaft mit der Auszeichnung zur "Mannschaft des Jahres" gebührend gewürdigt. Im Folgejahr erreichte der Musikzug mit 38 aktiven Mitgliedern seinen personellen Höchststand.

In den Jahren und Jahrzehnten danach nahm das Blasorchester weiterhin regelmäßig an Deutschen Turnfesten teil – 1987 in Berlin, 1994 in Hamburg und 1998 in München. Dabei wurden häufig Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen, zum Beispiel aus Braunshardt oder Wixhausen, gebildet, da die einzelnen Vereine für diese aufwendigen Veranstaltungen nicht genügend spielstarke Musikgemeinschaften stellen konnten. Gleichzeitig stärkten diese gemeinsamen Auftritte die Kameradschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Musiker erheblich.

1 – Uwe Herchenhahn                            2 – Klaus Werner

3 – Gerd Hutschenreuter                       4 – Werner Polster

5 – Hubert Herchenhahn                       6 – Chris Jourdan  ?

7 –Gerhard Werner 2                              8 – Andreas Weinbeer

9 – Michael Kruse                      10 – Horst Kern

11 – Wolfgang Schroth  ???                12 – Christiane Anthes

13 – Jürgen Frenkel                              14 – Jörg Görich

15 – Walter Werner                             16 – Uwe Haas

17 – Rainer Haas                                    18 – Katja Lorenz

19 – Johanna Herchenhahn                20 – Sabine Recktenwald

21 – Bettina Werner                             22 – Traute Werner

23 – Christine Gaydoul                        24 – Carmen Ikus

25 – Karin Doleschal                             26 – Annette Branke

27 – Sandra Müller

 

 

 

 

Das Jugendblasorchester

Schon seit vielen Jahrzehnten erkannte man die Notwendigkeit und die Chance, eigenen Nachwuchs zu fördern, indem man eine eigenständige Musikergruppe aufbaute, die dem Leistungsstand der Kinder und Jugendlichen entsprachen. Von den 1950er-Jahren bis 1983 – mit einigen Unterbrechungen – gab es den Schülerspielmannszug. Von Anfang der 1990er bis Anfang der 2000er gab es ein Jugendblasorchester, sowie Flöten- und Nachwuchsgruppen. Mit der schrittweisen Auflösung des Jugendblasorchesters kam die Nachwuchsarbeit zunächst zum Erliegen. Die Instrumentenausbildung wurde zwar weiterhin angeboten, doch viele junge Musiker verließen das Blasorchester bereits nach kurzer Zeit wieder.

Stand 2025 gibt es kein Jugendblasorchester mehr und die jungen Musiker sammeln ihre Orchestererfahrungen direkt im Blasorchester.

Vom Musikzug zum Blasorchester

Im Jahr 1987 begann der Wechsel von der traditionellen hin zur moderneren Blasmusik.

Moderne Blasmusik verbindet die Tradition des Blasorchesters mit zeitgemäßen musikalischen Stilen. Sie reicht vom klassischen Marsch bis zu Pop, Filmmusik oder Musical-Melodien, setzt auf flexible Besetzungen und abwechslungsreiche Klangfarben und richtet sich bewusst an ein breites Publikum.

Die Außenwirkung des Blasorchesters beruht zum größten Teil auf öffentlichen Auftritten wie zum Beispiel Festumzügen, Frühschoppen, Ständchen, Konzerten und ähnlichen Veranstaltungen und im Laufe der Jahre wurde hier ein tragfähiger Mittelweg zwischen der traditionellen und der moderneren Blasmusik gefunden.

Die erweiterte Zielsetzung bedingte auch einen instrumentalen Umbau. Die Rhythmusgruppe verstärkte sich durch Konzertbecken und ein Paar Kesselpauken, das Holzregister mit einer Bassklarinette. Mit dem erweiterten Repertoire und dem neuen "Sound" folgten die Egelsbacher Musiker dem Beispiel vieler befreundeter Vereine und haben sich zum 120-jährigen Jubiläum 1996 gemäß ihrem Leistungsstand in "Blasorchester" umbenannt.

2018 wurde der Abteilungsname in der SGE von „Spielmanns- und Musikzug" auf „Abteilung Musik“ geändert.

Im Jahr 2020 führte die Abteilung das Neujahrskonzert in der Kirche noch als Blasorchester Egelsbach durch. Aufgrund des sich überall einstellenden Rückgangs an Musikern wurden nach dem Neujahrskonzert erste Gespräche für eine Kooperation mit dem Blasorchester Erzhausen geführt.

Dann kam die Corona-Pandemie. Das musikalische Leben wurde zeitweise ganz eingestellt. Mit den Lockdownmaßnahmen erfolgte eine längere Zwangspause.

Seit dem Jahr 2022 musiziert das Blasorchester Egelsbach zusammen mit dem Blasorchester Erzhausen unter der Leitung von Markus Petri. Wir nennen uns nun Blasorchester Egelsbach-Erzhausen, sind jedoch beide eigenständige Abteilungen der jeweiligen Sportgemeinschaft.

Die gemeinsamen Veranstaltungen, wie Serenaden- und Neujahrskonzerte, finden sowohl in Egelsbach als auch in Erzhausen statt. Im Jahr 2023 brachte die Theatergruppe „Die Hennesbabbler“ aus Erzhausen erstmals zusammen mit Musikern aus Egelsbach ein humorvolles „Bauerntheaterstück“ im Sportheim Erzhausen auf die Bühne. Die Aufführung stieß auf große Begeisterung, sodass auch die Theater-Kooperation fortgesetzt wurde. Im Jahr 2025 durfte sich das Publikum erneut über ein Theaterstück freuen: Es gab zwei Aufführungen im Sportheim Erzhausen sowie eine weitere im Eigenheimsaal in Egelsbach

Eine besondere Herausforderung stellt die Nachwuchsarbeit dar. Es wurden verschiedene Aktionen unternommen, um Kinder und Jugendliche für dieses Hobby zu gewinnen. Dazu zählen Kooperationen mit der Orchester-AG an der Wilhelm-Leuschner-Schule, Schnupperproben sowie eine enge Zusammenarbeit mit der örtlichen Musikschule. Ziel ist es, diese Initiativen zu aktivieren und noch mehr jungen Musikerinnen und Musikern den Weg zur Abteilung Musik zu eröffnen.

Gleichzeitig freut sich das Blasorchester über erwachsene Musikerinnen und Musiker jeden Alters, die Freude am Musizieren haben und sich in das Orchesterleben einbringen möchten. So bleibt die Abteilung Musik lebendig und generationsübergreifend.

(Stand 31.12.2025)

 

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