Historie
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150 Jahre Turnermusik in Egelsbach
Die Turnermusik in Egelsbach, bzw. das Blasorchester Egelsbach gehört mit dem Blasorchester des TSV Klein-Auheim, das nur zwei Jahre älter ist, damit zu den ältesten musikalischen Gemeinschaften des Hessischen Turnverbandes.
Was bedeutet „Turnermusik“?
Der Begriff Turnermusik stammt aus der Zeit, als sich in den Turnvereinen – also den Vereinen des Deutschen bzw. Hessischen Turnverbandes – neben dem Sport auch musikalische Gruppen bildeten. Diese Musikerinnen und Musiker begleiteten ursprünglich Turnfeste, Festzüge und sportliche Veranstaltungen mit Spielmanns- und Blasmusik.
Mit der Zeit entwickelte sich daraus ein eigener Bereich innerhalb des Turnverbandes: die Turnermusik.
Sie umfasst heute Spielmannszüge, Blasorchester und Musikgruppen, die in Turn- und Sportvereinen organisiert sind. Ziel ist es, die musikalische Gemeinschaft und Kameradschaft innerhalb der Turnerbewegung zu fördern und das kulturelle Leben im Verband zu bereichern.
Aus einer solchen langen Vereinsgeschichte gibt es Vieles zu berichten, Gutes und weniger Gutes, Höhen und Tiefen; von großem Beifall bei musikalischen Auftritten, aber auch von manchen Herausforderungen innerhalb der Gemeinschaft. Zu einer solch wechselvollen Geschichte einer Gemeinschaft gehören immer wieder Menschen, die mit viel Energie, Idealismus und Verantwortungsbewusstsein nicht nur in Glanzzeiten mit Freude ihre Freizeit der Musik widmen, sondern auch aus schwierigsten Situationen die Gemeinschaft wieder nach oben führen.
Die Gründerjahre
Die Ursprünge der Spielmannsmusik wird man in Egelsbach genau wie in den meisten anderen Städten und Gemeinden Deutschlands ganz eng verknüpft finden mit der Entwicklung des Turnens nach der Idee von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. So ist es nicht verwunderlich, dass bei beiden Egelsbacher Traditionsvereinen, sowohl beim Turnverein von 1874 als auch bei der Turngemeinde von 1885, bald nach deren Gründung auch ein Spielmannszug ins Leben gerufen wurde. Direkte schriftliche Hinweise oder gar Gründungsprotokolle sind in beiden Fällen nicht aufzuspüren, so müssen uns andere Quellen auf der Suche nach der Gründungszeit helfen.
Nach mündlicher Überlieferung sollen es vier bis acht Spielleute gewesen sein, die 1876 im gerade erst zwei Jahre alten Turnverein den ersten Spielmannszug in Egelsbach gründeten. Fast alle waren vom Militär entlassene Turner, die ihre aktive Zeit genutzt hatten, um sich als Trommler, Pfeifer oder Hornist ausbilden zu lassen. Die älteste schriftliche Erwähnung eines Spielmannszuges ist ein im Jahre 1879 angefertigtes Protokoll, in dem der Zugang mehrerer junger Leute zu einem bestehenden Spielmannszug vermerkt ist. In diesem Protokoll findet man schon Egelsbacher Familiennamen, die auch heute noch einen engen Bezug zur Turnermusik haben, wie z.B. Avemaria, Schlapp oder Schroth. Auch bei der Turngemeinde können wir nur indirekt auf die frühe Gründung eines Spielmannszuges schließen. In einem Protokoll vom 5. Februar 1887 - also gerade zwei Jahre nach dem Entstehen des Vereins - wird die Anschaffung eines Schrankes erwähnt, in dem die benötigten Instrumente aufbewahrt werden sollten.
Aus heutiger Sicht bedarf es wohl einer Erklärung, dass in einem so kleinen Dorf, wie es Egelsbach zu Ausgang des 19. Jahrhunderts zweifellos war, zwei völlig voneinander unabhängige Turnvereine mit eigenen Spielmannszügen gegründet wurden und Bestand hatten. Dazu muss man wissen, dass das damalige öffentliche Leben und damit auch die Tätigkeiten in den Vereinen sehr stark weltanschaulich und politisch geprägt und polarisiert war. Nach der Gründung eines "Arbeiter”turnvereins ist leicht einzusehen, dass einige Jahre später als Pendant die Turngemeinde sich aus dem bürgerlichen Lager etablierte. Diese Unterschiede in der Herkunft der Vereine hielt bis zur Auflösung 1933 an und war sogar noch bei der Gründung der Sportgemeinschaft nach dem 2. Weltkrieg zu spüren.
Beide Egelsbacher Turnervereinigungen hatten ein eigenständiges Vereinsleben, an dem die Spielmannszüge wesentlichen Anteil hatten. Jedes Jahr beim Anturnen im Frühjahr und beim Abturnen im Herbst legten die Turner den Weg zwischen Vereinslokal und Turnplatz unter Vorantritt der Musiker zurück. Das Spiel der Trommler und Pfeifer sorgte dafür, dass der Zug in den Ortsstraßen exakt im Gleichschritt marschierte. Das Betätigungsfeld erstreckte sich aber in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens auch auf Auftritte bei Aufmärschen und Festzügen auf örtlicher Ebene.
Oft vergessen und kaum in den Chroniken erwähnt wird die frühe Verbindung der Turnermusiker mit der Blasmusik, das Blasorchester der heutigen Zeit hatte also durchaus schon einen historischen Vorgänger.
Auf einem Foto aus dem Jahr 1890 sieht man eine 14-köpfigen Blaskapelle. Auf diesem Foto ist der damals 20jährige Hornist Lorenz Avemaria zu sehen. Er gründete 1906 zusammen mit anderen Musikern des Turnvereins den ”Arbeitermusikverein", der nach der Vereinigung mit der ”Zivilkapelle Egelsbach-Langen" 1927 schließlich als Musikvereinigung Egelsbach" weiter bestand.
Der erste Weltkrieg brachte im privaten sowie öffentlichen Leben so gravierende Einschnitte, dass jedes Vereinsleben und damit auch das Spielmannswesen zum Erliegen kam. 1919 formierten sich die Spielmannszüge neu. Es gelang, die vom Krieg gerissenen Lücken zu schließen, die Turnermusik nahm einen neuen Aufschwung.
Neben den Auftritten in Egelsbach traten die Spielleute nun auch zunehmend bei Veranstaltungen in Nachbargemeinden und darüber hinaus auf. So waren die Egelsbacher 1926 zum Beispiel bei der Arbeiterolympiade im Frankfurter Waldstadion dabei.
Spielmannswesen kommt zum Erliegen
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden sämtliche Vereine, die auf dem Boden der Arbeiterbewegung standen, verboten und aufgelöst. Dieses Schicksal traf natürlich auch den Turnverein 1874 mit seinem Spielmannszug. Die Instrumente wurden eingezogen und in Langen deponiert. Einige Spielleute überwanden die noch bestehenden gesellschaftlichen Schranken und schlossen sich dem nicht vom Verbot betroffenen Spielmannszug der Turngemeinde an, um weiterhin zu musizieren. Die weitaus meisten Spieler des TV traten aber dem Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr bei. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass die eingezogenen Trommeln und Flöten von Langen zurückgegeben und dem Feuerwehr-Spielmannszug zugeteilt wurden.
Der Ausbruch des 2. Weltkrieges brachte erneut eine Entwicklung mit sich, die man schon einmal durchlebt hatte. Mit dem totalen Zusammenbruch 1945 hörte auch der letzte Rest jeglicher Vereinstätigkeit auf. Zwar wurde schon im gleichen Jahr das völlige Vereinsverbot durch die Militärregierung etwas gelockert, so dass es schon im Herbst möglich war, einen Sportverein, die SGE, zu gründen, das Spielmannswesen war allerdings noch nicht im Katalog der erlaubten Vereinsaktivitäten enthalten.
Der Neuanfang 1948
Mit weiteren Lockerungen der Verbotsbestimmungen rückte bald der Neuaufbau eines Spielmannszuges in den Bereich der Möglichkeiten. Es war ein Herzenswunsch des damaligen SGE-Vorsitzenden und vormaligen Stabführers im TV 1874, Fritz Schlapp, die durch den Krieg durchbrochene Tradition wieder aufleben zu lassen. Die Freude an der Musik war bei den Spielmännern ungetrübt. 1933 war eine Gemeinschaft auseinandergerissen worden, die immer zu den Glanzpunkten des Vereins gehört hatte. So war es gar nicht verwunderlich, dass bei der ersten Zusammenkunft im Eigenheim im Herbst 1948, ein neuer Spielmannszug gegründet werden konnte. Die etwa 20 erschienen Musiker waren alle ausgebildete Spielleute, so dass unverzüglich mit den Proben begonnen werden konnte. Zum Teil konnten die Instrumente aus dem Fundus des nicht mehr existierenden Feuerwehr-Spielmannszuges zurückgeholt werden und manche Flöte oder Trommel hatte die Wirren der Zeit in Privatbesitz überstanden.
Die Musiker waren mit Eifer bei der Sache, so dass schon ein halbes Jahr später zum 1.Mai 1949 der neue alte Spielmannszug in der Öffentlichkeit auftreten konnte. Noch im gleichen Jahr wurde die Instrumentierung durch Becken, Lyra und eine große Trommel vervollständigt. Das Geld für diese Anschaffungen stammte ausnahmslos aus den privaten Taschen der Spielleute, was wiederum in dieser entbehrungsreichen Nachkriegszeit für den Idealismus der Musiker spricht.
